Periscope für Journalisten: Grundlagen zum Einstieg

„Streamalism“ – das neue Buzzword? Im Webvideoblog geht es in gleich zwei Blogposts um das Thema Livestreaming im Journalismus – konkret geht es um Periscope. Hier zunächst ein Überblick für Anfänger. In Teil 2 berichte ich dann über Learnings aus der Praxis

Periscope Buttons Senden

Hunderte deutsche Journalisten haben einen Account bei Periscope und noch keinen einzigen Stream gestartet. Per se nicht verkehrt, schließlich geht es nicht nur ums Senden, sondern auch ums Empfangen – doch zuweilen fehlt einfach der erste Schritt, vielleicht auch etwas KnowHow und wohl vor allem Mut.

DIE BASICS

Periscope ist – wie Konkurrent Meerkat auch – eine Video-Livestreaming-App, verfügbar für iOS und Android-Geräte. Empfangen kann jeder zwar auch im Web via Desktop-Ansicht – doch vor allem geht es hier um Mobilgeräte und das Verschmelzen von Sende- und Empfangsgerät – ergänzt um den wichtigen Faktor Community. Periscope und Meerkat sind Social Media, Interaktion (!) – und somit viel mehr als technische Tools für Video-Livestreaming im „Einbahnstraßen-Journalismus“.

1)  ACCOUNT EINRICHTEN

Wer bei Twitter ist – das sollte für Journalisten heute eine Selbstverständlichkeit sein, meldet sich einfach mit seinen Login-Daten an. Periscope erstellt zunächst ein Abbild des Twitter-Accounts, übernimmt die Daten. Kann man sie bei Periscope individuell ändern? Ja. Und zwar hier.

 

Wir wählen auf der Leiste ganz unten den rechten Button aus und finden rechts oben das Avatar-Symbol (Screenshot links). Dort befindet sich die Übersicht über den eigenen Account (Screenshot Mitte). Wiederum rechts oben gehen wir auf „Bearbeiten“ und können das Foto austauschen und/oder die Profilbeschreibung/“Bio“ ändern (Screenshot rechts).

Personen/Accounts finden und folgen

Ebenfalls im linken Screenshot oben sieht man, wie Periscope gleich Accounts vorschlägt, denen man über den Button rechts ganz einfach folgen kann – die Nutzer, denen man bereits bei Twitter folgt. Gleichzeitig findet sich links oben eine Lupe – ein Suchfenster öffnet sich für gezielte Recherche nach Personen/Institutionen.

Der eigene Account

Auf der eigenen Profilübersicht kann man jederzeit sehen, wer einem folgt, wem man selbst folgt, wen man blockiert (dazu später) und was man schon alles live gestreamt hat. Zumindest in der Übersicht. Periscope-Streams selbst sind derzeit nur bis zu 24 Stunden nach Ausstrahlung abgespeichert.

Einstellungen bei Periscope für Journalisten

Speichern des eigenen Videomaterials

Viel wichtiger ist hier eine Einstellung, die Journalisten im Blick haben sollten: „Live-Videos automatisch speichern“. Ich empfehle, diese Möglichkeit auszuwählen, um das gestreamte Videomaterial hinterher auf dem Gerät zu haben. Highlights kann man so zurechtschneiden und noch mal als On-demand-Video bereitstellen, durch Upload zu Twitter/Facebook/Youtube&Co oder auf Websites – uns so beispielsweise auch durch Video-Werbung vermarktet. Ans Geschäft denken müssen wir ja auch. Die Videos werden ohne die Einblendungen des Livestreams wie Herzen oder Kommentaren gespeichert.

2) EMPFANGEN

Konzentrieren wir uns jetzt auf die beiden linken Buttons in der unteren Leiste zum Thema Empfangen.

Gezielt Accounts verfolgen

Ganz links (Symbol Fernseher) gibt`s die Live-Videos und Aufzeichnungen der Accounts, denen man folgt – oder die einer der User empfohlen hat, dem man folgt. Infos über den Absender, dessen Follower, Steams etc. gibt es auch hier durch einen Klick auf den Namen – es öffnet sich ein Fenster. Der Periscope-Fan muss jedoch nicht den ganzen Tag in diese Liste schauen, um kein Live-Video zu verpassen. Per Push-Meldungen auf dem Smartphone werden User von Periscope über gestartete Streams informiert. Auch, wenn jemand seinen Followern ein anderes Live-Video empfiehlt. Wer bestimmten Accounts zwar folgen will, aber von ihnen keine Push-Mitteilungen mehr bekommen möchte, kann die durchgestrichene Glocke neben dem „Folge-ich-Button“ nutzen.

Periscope Empfangen 3er

Stöbern in Live Videos

Über den zweiten Button (Symbol Weltkugel) kann man eher Stöbern. Auf einer Listenansicht schlägt Periscope vielbeachtete Streams vor, über die Kartenansicht kann man regional suchen. Wie im Screenshot zu sehen, ist die Türkei bei Periscope ganz weit vorn…

Bildschirmfoto 2015-10-24 um 22.28.18

Mit einem einfachen Tippen geht es rein in den Stream. Um Informationen über den Sender zu sehen, einfach nach links wischen. Auch transparent dort: eine Liste der Zuschauer, auch ihre Profile sind für andere User einsehbar. In der Regel kann jeder Zuschauer in jedem Stream kommentieren, ganz einfach über das Eingabefeld unten. Ausnahmen: Der Broadcaster kann eine Begrenzung einstellen (für Journalisten empfehle ich das nicht) oder der Stream ist „zu voll“. Ab einer bestimmten Grenze können neu dazu gekommene Zuschauer nicht mehr kommentieren, sonst würde es auch unübersichtlich.

Teilen

Hier findet sich auch der Button „Teilen“, der verschiedene Möglichkeiten vorsieht, man kann mit bestimmten Follower oder mit allen via Periscope teilen, Twitter oder Facebook verwenden oder die URL in den Zwischenspeicher kopieren. Bildschirmfoto 2015-10-24 um 22.33.15Wer im Stream einen Screenshot mit dem Smartphone macht, kann ihn direkt mit der URL zusammen twittern. Das kann interessanter sein als das vorgegebene Thumbnail zu nutzen. Bildschirmfoto 2015-10-24 um 22.34.59

3) SELBST LIVESTREAMEN

Dann macht`s erst richtig Spaß. Der dritte Button öffnet bereits den Kameramodus, hier geben Periscoper direkt den Titel, die Überschrift des Streams ein (Tipps dazu in Teil 2). Außerdem empfehle ich Journalisten, vor dem Senden den linken und den rechten Button direkt über dem Startknopf anzuwählen, wie im Screenshot zu sehen. Der linke sorgt dafür, dass der Standort an die Community übermittelt wird, sonst wäre der Livestream auf der Weltkarte (s.o.) nicht zu finden. Darüber kommen jedoch auch eine gewisse Anzahl User in den Stream – und jeder will ja irgendwie beachtet werden. Der rechte Button entscheidet, ob der gestartete Livestream automatisch einen Tweet vom gekoppelten Account auslöst. Auch das steigert die Reichweite natürlich.

Periscope Buttons Senden

Das Wichtigste beim Senden

„Live-Video starten“ und schon schaut das Internet zu. Theoretisch jedenfalls. Denn schließlich dauert es ein paar Sekunden, bis Eure Follower die Push-Meldungen gesehen und hoffentlich geöffnet haben oder den Tweet gelesen. Das erste Bild Eures Streams ist dennoch ganz wichtig – es wird zum Thumbnail, das neben der Überschrift angezeigt wird. Zudem schauen User später die Aufzeichnung noch an.

Broadcaster sehen sofort, welche User zuschalten, wer teilt, twittert, auf Facebook empfiehlt und rechts unten wie sich die Zahl der Zuschauer entwickelt. Journalisten haben so direktes Feedback, wie spannend die Zuschauer ihre Berichte empfinden, wie „sharable“ ihr Content ist. Engagement ist schließlich die Währung der Zukunft im Netz.

Hochkant oder Querformat

Periscope senden hochkant persönlich mhBeides ist möglich. Zunächst war Periscope nur Vertical Video, das bei Usern so beliebte und bei TV-Machern verhasste Format. Insbesondere auf Drängen von Videoprofis aus den alten Medien (TV, Homepages) hat Periscope einen Landscape/Querformat-Modus entwickelt. Periscoper können jetzt einfach ihr Smartphone so drehen, wie sie senden wollen, hochkant oder quer. Die User können ihr Gerät schließlich auch kippen, um das jeweils bessere Nutzungserlebnis zu haben. Ich persönlich schätze Hochkant im Prinzip, da es der natürlichen Handhaltung und häufigen Nutzungsituation der Zuschauer am Smartphone entspricht. Die meisten Menschen halten ihr Gerät in der Regel hochkant – und dann wird der Bildschirm voll ausgenutzt. Wenn ich etwas streame, das ich später auch auf Websites, im TV oder in anderen sozialen Medien weiter verwenden möchte, drehe ich jedoch ins Querformat.

Kamera wechseln, Mikrofone

Als Standard ist die Kamera auf der Rückseite des Smartphones aktiviert, jedoch können User auch bei Periscope in den Selfie-Modus wechseln, durch Doppeltippen auf den Bildschirm während des Streamens. Moderne Smartphones haben in der Regel mehrere Mikrofone, die sich wie Richtmikrofone unterschiedlich verhalten, je nachdem welche Kamera aktiviert ist. Meine Erfahrung bei iPhones: Wer in lauter Umgebung zu verstehen sein möchte, wählt die Selfie-Kamera, dann „dreht“ sich auch die Tonaufnahme. Achtung: Noch gibt es beim Doppeltippen und somit dem Wechseln der Kamera eine kleiner Ton-Unterbrechung. Also Satz beenden, kurz Pause beim Kamerawechsel und dann wieder ansetzen. Sonst verschluckt Periskope ein paar Wörter, zumindest bei iOS-Geräten.

Herzen bekommen und vergeben

Die Herzchen sind die Likes beim Livestreamen. Periscope-Zuschauer vergeben sie durch Tippen auf den Bildschirm. Es gibt keine Begrenzung, Candystorm mit Herzchen – kein Problem. Die Gesamtzahl wird in der Übersicht des Accounts angezeigt. Bei guten Streams kann man locker ein paar Tausend Herzen sammeln. Manche Zuschauer wissen gar nicht, wie man Herzen vergibt – so meine Erfahrung. Also, wer Herzen mag, einfach noch mal charmant erklären. Und natürlich kann man die Herzchen kreativ nutzen. Für Votings beispielsweise nacheinander Herzchen einfordern: wer ist für A, wer ist für B?

Interaktion, Spammer und Hater blockieren

Es gibt Streams ohne oder mit sehr wenigen Kommentaren, es gibt aber auch welche mit viel Interaktion. Woran das liegt? Natürlich auch am Auftreten des Periscopers. Wer einfach nur etwas abfilmt, wird weniger Interaktion haben, als jemand, der persönlich, vielleicht auch im Bild auftritt. Periscope lebt nicht vom Livestreamen an sich, das können andere Apps seit Jahren, sondern von der Interaktion. Periscope ist Social Media! Wer User fragt, bekommt Antworten, teilweise sogar sehr sinnvolle, vielleicht kann jemand bei der Recherche helfen – bei aller Vorsicht natürlich. Ich habe jedenfalls schon Unwetterwarnungen von Usern gemeldet bekommen oder Infos über Breaking News, habe mal nach der Gesetzeslage gefragt und einen genauen Paragraphen im Wortlaut gepostet bekommen. Wer seine User ernst nimmt, wird ernst genommen. Und wer doch mal an die Falschen gerät, kann blockieren. Das geht durch Tippen auf den Kommentar – so kommt man zur Accountbeschreibung des Users (auch interessant) und kann ihn dort blockieren. Er oder sie kann fortan nicht mehr kommentieren. Bei mir ist das erst sehr wenige Male nötig geworden – und das in inzwischen mehr als 80 Streams und vielen hundert Minuten Sendezeit.

4) REICHWEITE, REPLAY UND WEITERVERWENDUNG

Ein Embedden in Websites ist (Stand 30.10.15) noch nicht möglich, Periscope soll aber daran arbeiten. Man kann natürlich von Websites hart auf die URL des Livestreams verlinken, wie hier im Juni mit Screenshot im Aufmacher von welt.de.

Periscope_Nutzung_Website_Welt_Aufmacher

Wie können die Streams von Journalisten außerdem einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden, als es der eigene Account zunächst ermöglicht?

Für Shares optimieren

Zum Beispiel durch intelligenten Vernetzen. Gewachsene Accounts, beispielsweise die einer zugehörigen Medienmarke, können Periscope-Streams teilen und Ankündigungen retweeten. Dafür sollten die Manager dieser Profile jedoch möglichst vorgewarnt sein – es soll schließlich live geschehen. Eine Möglichkeit ist auch, diese Accounts durch ein @Username in der Überschrift zu erwähnen (Mention). Durch das automatische Posten bei Twitter bei Sendestart wird der Inhaber über diese Mention informiert und kann reagieren. Bei Periscope ist der Livestream 24 Stunden lang online, so lange können User über den geteilten Link den Replay ansehen. Es sei denn, der Broadcaster hat die Aufzeichnung nach dem Senden gelöscht. Natürlich helfen auch unbekannte Zuschauer zuweilen kräftig mit, die Reichweite durch Shares und Tweets vor allem zu steigern. Die besten Mittel: spannende News, gute Geschichten, dann vervielfacht sich die Zuschauerzahl manchmal in beeindruckendem Tempo. Bei einem Stream aus dem sächsischen Heidenau hatte meine Kollegin Noemi Mihalovici, gestartet mit einer zweistelligen Zahl Periscope-Followern, bald weit mehr als 1000 Zuschauer gleichzeitig. Und natürlich kann man User auch mal geschickt erklären, wie man den Stream denn bei Gefallen seinen Freunden empfehlen kann…

Broadcaster-Live-Button embedden

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 10.15.23Insbesondere für Journalisten interessant, die auch für Websites produzieren oder einen eigenen Blog haben. Periscope hat einen Button entwickelt, vergleichbar mit dem Follow-Button von Twitter. Unter http://www.periscope.tv/embed kann jeder ganz einfach einen Embed-Code für den eigenen Broadcaster-Button generieren. Wenn man live sendet, färbt sich der Button rot und führt zum aktuellen Livestream. Ansonsten zeigt der Link auf die Account-Übersicht. Zwei Größen stehen zur Auswahl.

Zweitverwertung – Highlight Editing

Nicht zuletzt können Journalisten ihr aufgezeichnetes Videomaterial, das bei richtiger Einstellung auf dem Smartphone vorliegt, freilich auch für andere Kanäle weiter verwerten. Mit Mobile-Reporting-Mitteln, geschnitten, nur gekürzt oder neu kombiniert. Highlights habe ich schon in die Mikro-Video-Dienste wie Vine und Instagram, aber auch in Twitter, Facebook und Youtube gespielt, je nach Plattform konfektioniert. Direkt vom Smartphone aus. Das geht. Natürlich auch auf der Website, bestenfalls mit Preroll-Ad vermarktet. Im Screenshot ein Beispiel vom Einsatz im sächsischen Heidenau. Mit der Herkunft Periscope-Stream sollte man meiner Meinung ganz offensiv umgehen, auch und gerade, wenn das Material hochkant gedreht ist.

Periscope_Highlights_Welt

Katch.me – Pericope-Streams herunterladen

Und zuletzt die Frage: Was, wenn der Reporter draußen keine Zeit oder nicht genug KnowHow hat, sein Material am Smartphone selbst zu bearbeiten? Derzeit bietet die Website katch.me die Möglichkeit, sämtliche Streams eines Accounts mit zu zeichnen. Ist der User selbst eingeloggt an jedem beliebigen Rechner, kann er sich das Material herunterladen. Andere User können die Aufnahmen dort zwar anschauen, aber nicht herunterladen. Ganz nett: Via katch.me kann man zumindest den Replay von Periscope-Streams schon in Websites embedden.

Alternative: QuickTime Player

Bei der „Welt“ haben wir auch schon ganz einfach den QuickTime Player genutzt, um ein Replay vom Bildschirm aufzuzeichnen. Mit Apples iMac und der neuesten Version von Betriebssystem und Anwendung war dies zumindest eine Lösung. Den optimalen Workflow gibt es noch nicht, bzw. kenne ich jedenfalls noch nicht. Ihr?

Hier geht’s zu Teil 2: Was streamen, wann und wie? Learnings aus sechs Monaten Arbeit mit Periscope.

Martin Heller bei Periscope:
@Ma_Heller

2 comments for “Periscope für Journalisten: Grundlagen zum Einstieg

  1. Katja Grundmann
    5. November 2015 at 12:26

    Hallo Herr Heller,
    vielen Dank für den tollen Blog-Beitrag. Wir sind gespannt auf den zweiten Teil.
    Wie schaffen Sie es, dass Sie mit dem Smartphone jederzeit eine gute Internetverbindung für ein gutes Live-Bild haben?
    Danke, KG

    • Martin Heller
      5. November 2015 at 21:11

      Hallo Frau Grundmann, danke. Auch ich habe nicht immer gutes Netz; bin auch schon aus einem Stream rausgeflogen. Im Zweifel muss man ganz offen thematisieren, dass das Netz gerade schlecht ist und man sich ggf. noch mal später meldet.

      Ansonsten habe ich T D1.

      mh

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Bitte lösen Sie die Rechenaufgabe. Das schützt Webvideoblog vor Spam. Danke! *