Periscope für Journalisten (2): Fünf Tipps für gute Live-Streams

Reporter Henrik Neumann in einem Periscope-Stream der "Welt".
Dem Anlass und Medium angemessen berichten: Henrik Neumann von der „Welt“.

Nach den Grundlagen von Periscope im ersten Teil geht es jetzt um die nächsten Schritte. Was macht einen erfolgreichen Stream aus? Wie kann Journalismus mit Livestreaming-Apps aussehen? Learnings aus den ersten sechs Monaten Einsatz von Periscope, nach rund 100 eigenen Streams und unzähligen weiteren der „Welt“-Videoreporter. Ein Erfahrungsbericht in „5 Tipps“.

  • 1) WAS STREAMEN? BE SOCIAL

Nicht das Livestreaming an sich ist das, was viele User begeistert, sondern die Interaktionsmöglichkeit. Für Journalisten heißt das: Beziehen wir die Nutzer mit ein in die Geschichte, nehmen wir sie ernst, diskutieren wir mit ihnen – soweit wie möglich. Heißt aber auch: Schon bei der Wahl der Streaming-Situation sollte jeder Periscoper bedenken: Kann ich auf Fragen von Usern reagieren? kann ich Hater blocken, vielleicht auf Wünsche aus der Community vielleicht eingehen?

Nicht das bloße Abfilmen von Reden, Panels auf Kongressen oder Pressekonferenzen lässt Journalisten die Stärken der Form ausspielen (oft folgen hierbei nur eine handvoll User). Es geht vielmehr um Situationen, wo Journalisten beim Filmen mitlesen und mitdiskutieren können. Bei Live-Videointerviews können die User einbezogen werden („Welche Fragen habt Ihr?“), die Kommentare der Zuschauer zeigen vielleicht, ob man einen Nerv trifft, was interessiert. Zuweilen haben wir sogar Kommentierungen an die Interviewpartner direkt weitergegeben, z.B. „Candy-Storm“/Lob und Dank für Ehrenamtliche in der Flüchtlingskrise.

Oder wie in diesem Beispiel die Reaktion „typische Politikerantwort“, die wir direkt aus der Community an den Interviewten, einen linken Aktivisten im „Block-G7-Camp“ in Garmisch, weitergegeben haben. „Welt“-Kollegen haben schon große Teile von  Interviews nach Fragen von Usern gestaltet. Der Reporter ist hier noch vielmehr als sonst ein wirklicher Stellvertreter des Zuschauers und richtet sich auch nach den Interessen der User.

  • 2) IMMER NEUE ZUSCHAUER: DIE BASICS WIEDERHOLEN

Nicht jeder weiß, dass Ihr Journalisten seid, nicht jeder schaut in die „Bio“ der Profilseite. Als ich in Athen im Wahllokal mit dem griechischen Ministerpräsidenten Tsipras gestreamt habe, wurde ich teils für einen Unterstützer, für eine Begleiter des gefeierten Linken gehalten.

Bei Demos wird man zuweilen gefragt: „Wogegen demonstriert Ihr?“. Da sich die User nicht gerade in einem typischen Journalismus-Umfeld befinden, rechnen sie nicht unbedingt damit, dass Journalisten nur über etwas berichten. Sagt, dass Ihr Reporter seid und nicht selbst involviert – so wird etwas die Distanz in diesem Nah-Dran-Medium gewahrt. Außerdem schalten immer wieder neue Zuschauer ein (und andere aus). Die W-Fragen also ab und zu kurz wiederholen – und jeder weiß Bescheid. Gleichzeitig sollte man auch mal schweigen können. Vor allem dann, wenn man aufgrund der Live-Situation vielleicht (noch) nicht alles weiß. Spekulieren ist hier – genauso wie auch sonst – unangebracht.

  • 3) WANN STREAMEN? WELCHE SPRACHE?

Radio ist morgens, Fernsehen abends – so war das mal. Und wann ist Social Livestreaming? Grundsätzlich natürlich immer: genau dann, wenn etws passiert. Logisch. Meine Erfahrung jedoch. Gemäß der Nutzungsgewohnheiten der User können abends mehr Follower einschalten. Periscope funktioniert anders als bei social-optimierten Webvideos meist auch zwingend über Ton. Am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Uni ist es eben oft ungünstiger als zuhause, wo das Smartphone zum First Screen auf dem Sofa wird.

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Samstagabend-Stream: Tausende aus aller Welt schauen zu.

Gerade am Wochenende haben „Welt“-Videoreporter abends enorme Reichweiten erzielt, teils über 4000 User gleichzeitig im Stream. Eine Rolle spielen dabei sicher auch Zuschauer aus Amerika, die uns bei Medientrends ja häufig etwas voraus sind.

Mit den Usern aus aller Welt stellt sich die Frage nach der geeigneten Sprache. Manche Streams von Kollegen gehen schon komplett in Englisch über den „Sender“. Im Ausland, wo Interviews auch auf Englisch geführt werden, liegt das nahe. Aber auch für das Periscope-Entwicklungsland Deutschland interessieren sich Menschen aus andere Teilen der Welt. Fragt doch einfach mal Eure Fans, von wo sie Euch zuschauen – neben der Türkei treffe ich immer wieder auf Follower aus USA, Kanada, Mexiko, Australien, bunt gemischt. Auch daher ist es offenbar leichter, abends eine große Reichweite aufzubauen. Auch lustig: Votings mit den Herzchen: Wer ist für englisch – bitte um Herzchen – Wer ist für deutsch – bitte um Herzchen. Häufig wähle ich auch einen schnellen Wechsel, wenn die Community gemischt ist.

  • 4) VERNETZEN FÜR MEHR REICHWEITE – UND DIE RICHTIGE HEADLINE

Journalisten haben in den sozialen Netzwerken einen Startvorteil. Sie sind vernetzt, haben Kollegen, vielleicht ein professionelles Social-Media-Team, eine twitternde Chefredaktion. Das gilt es zu nutzen. Wer sich vernetzt und Streams vorab vielleicht kurz den Kollegen ankündigt, kann auf Schützenhilfe hoffen: Empfehlungen auf Periscope und Twitter beispielsweise. Zum Ankündigen und Austauschen über geplante Livestreams eignen sich insbesondere Gruppen-Chats in Messengern. Zudem kann ein Account auch durch eine Mention in der Überschrift (@Markenaccount) via Twitter informiert werden.

Die Überschrift – wie fast immer im Onlinejournalismus von größter Bedeutung. Was erscheint beim Push auf dem Handy der Follower, was im automatisch generierten Tweet auf Twitter? Stark und präzise soll die Headline sein, ein oder wenige Hashtags darf sie haben, wo es sich lohnt – die werden schließlich auch auf Twitter gespielt. Emoticons? Klar. Ich nutze häufig ein Kamera-Emoticon, um auf den ersten Blick klar zu machen, dass es um Video geht. Nicht ganz einfach ist das mit den Zeilen offenbar häufig dann, wenn ein Account mehrere Streams vom gleichen Ereignis liefert. Dann sollte stets auch etwas zum konkreten Inhalt des folgenden Streams gesagt sein. Zehn Mal die gleiche Zeile – schwierig, gerade für User, die im Replay gezielt etwas schauen wollen.

Ob Erfolg oder Verwirrung beim User: Überschriften entscheiden bei Live-Views wie auch bei Replays
Ob Erfolg oder Verwirrung beim User: Headlines entscheiden über Klickzahlen, live wie auch bei Replays.

Oft werden Überschriften in Eile verfasst, man will schließlich schnell live gehen. Und dann schleichen sich Fehler ein, zudem ist die Zeile vielleicht nicht so durchdacht. Ich denke häufig schon vorher über mögliche Titel nach und schreibe mir diese Überschrift oder einen Teil davon schon in der Notizen-App meines iPhones auf. Diese Zeile kopiere ich in meinen Zwischenspeicher, um sie jederzeit schnell einfügen (und ggf modifizieren) zu können. Das hilft bei mehreren Streams von der gleichen Veranstaltung genauso wie bei Abstürzen durch eine schlechte Internetverbindung.

  • 5) DIE AUSRÜSTUNG: EINFACH, LEICHT, SCHNELL
Periscope_ohne_Griff
Ohne alles. Nur Handy und Netz sind wirklich nötig.

Eigentlich ist gar nichts nötig, außer einem Smartphone und Internet, um zu streamen. Stative und große Ton-Aufbauen widersprechen meiner Meinung nach dem Grundgedanken von Mobile Reporting – einfach, schnell, flexibel. Der Vorteil bei Periscope ist ja gerade die einfache schnelle Handhabung – innerhalb von zehn bis zwanzig Sekunden kann mal locker live sein.

Der Ton ist je nach Situation auch ohne Mikrofon in Ordnung, in Räumen wie auf dem Foto bei Susanne Dickel beispielsweise. Oder wenn Reporter bzw. Interviewpartner nah am Handy sind.

Ich habe fast immer einen einfachen Handgriff am Smartphone. Derzeit nutzen wir häufig den „Shoulderpod S1“, weil er leicht und klein ist. Er ist stets in der Tasche und das Smartphone ist schnell drin – ob Hochkant- oder Querformat, hilft bei beiden Varianten. Und mit einer Schlaufe kann man ihn auch am Arm festbinden. Für den Fall, dass es mal etwas robuster zugeht, fällt das Smartphone nicht so schnell.

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Ein solcher Griff stabilisiert und schützt.

Dazu empfehle ich, stets zwei externe Akkus für das Handy dabei zu haben und ensprechende Kabel. Am besten gefallen mir Akkus, die man mit Karabinerhaken am Gürtel tragen kann, das Stromkabel sollte nicht zu kurz sein, da man in Gedränge ja zuweilen mal hoch über dem Kopf filmen muss.

Wenn es laut ist in der Umgebung und somit mal ein externes Mikrofon nötig, schließen wir an iPhones das Audio-Interface iRig PRE an. Es hat einen XLR-Eingang, und somit kann jedes professionelle Mikrofon über XLR-Kabel je nach Situation angeschlossen werden.

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Externes Mikrofon. Mitten drin auf einer Kundgebung.
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Selfie-Modus: Wer deutlich und in Richtung Mikro spricht, ist meist auch ohne Mikrofon zu verstehen.

PS: Und nach dem Stream: Zweitverwertung, Cross-Promo

Livestreaming macht Spaß. Mit einem Stream haben meine Kollegen Dominic Basselli und Henrik Neumann in Paris mehr als 130.000 Views erreicht. Doch auch auf anderen Plattformen kann man Material aus Periscope-Streams nachträglich einsetzen. Wer seine Bilder auf dem Handy speichert, kann mit Smartphone-Schnittsoftware die besten Szenen zusammen schneiden und direkt in andere Social Networks hochladen. Auch auf die Newswebsite stellen wir bei der „Welt“ zuweilen Clips aus Periscope-Material, wie im ersten Blogpost zu den Grundlagen gezeigt und beschrieben. Wir kennzeichnen dann die Quelle und verweisen gern auf unsere Aktivitäten bei Periscope. Auch wenn wir wissen, dass Cross-Promotion zwischen Plattformen oft nicht den Nutzen bringt, den sich viele erhoffen. Über Katch.me kann man auch ganze Periscope-Streams mehr als 24 Stunden aufbewahren und embedden.

Was sind Eure Erfahrungen mit Periscope, Meerkat & Co – schreibt’s mir in die Kommentare oder auf Twitter.

Zum ersten Teil – Grundlagen zum Einstieg – geht es hier.

Martin Heller bei Periscope und Twitter:
@Ma_Heller

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