American Way of Journalism

Reale Verfolgungsjagden, die live im Fernsehen übertragen werden. Bilder, die man aus dem US-Fernsehen kennt – in Boston war ich plötzlich selbst Teil dieses medialen Wahnsinns.

Knapp eine Woche lang habe ich nach dem Bombenanschlag auf den Marathon für SPIEGEL ONLINE berichtet. Ich drehte nur wenige hundert Meter entfernt, als Explosionen von Blendgranaten zu hören waren und kurz darauf der zweite Tatverdächtige des Anschlags auf den Marathonlauf festgenommen wurde.

Was wäre bei der Berichterstattung über ein solches Ereignis in Deutschland anders gelaufen?

Am Zieleinlauf

Dauerprogramm

Landesweite Nachrichtensender und lokale TV-Stationen widmeten nahezu ihr komplettes Programm der Boston-Berichterstattung. Das zeigt, wie wichtig den Amerikanern das Thema ist. Mit enormer Manpower stemmten die Stationen ein 24-Stunden-Liveprogramm.

In Deutschland dagegen werden bei den Öffentlich-Rechtlichen ungern Institutionen wie die „Lindenstraße“ für einen „Brennpunkt“ verschoben und dauerklamme Nachrichtensender wären schon personell nicht stark genug aufgestellt für so einen Aufwand. Den US-Sendern kommen allerdings andere Sehgewohnheiten zugute: Viele „Talking Heads“ füllen billig und einfach Minuten; aufwendig erzählte Beiträge gibt es kaum.

„Kamera-Talente“

Die Amerikaner machen es besonders uns Video-Journalisten leicht. Fast jeder spricht bereitwillig und eloquent vor der Kamera. Gerade weil der Anschlag allgemein als Angriff auf die Freiheit gesehen wird, hatten viele das Bedürfnis, dem entschlossen entgegenzutreten. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, lautete die Botschaft der Interviewpartner. (Hier eine Übersicht meiner Videos.)

Ich glaube, dass das in Deutschland vorsichtiger geklungen hätte. Und vor allem wäre es schwieriger gewesen, die Läufer nach ihren Beobachtugen zu fragen. Beispielhaft dafür war unsere Begegnung mit einem deutschen Marathon-Teilnehmer, der als einziger der Leute, die wir in Boston angesprochen haben „lieber nicht darüber reden“ wollte. Was ich persönlich übrigens irgendwie nachvollziehen kann.

Live dabei

Dreh bei der Festnahme des zweiten Verdächtigen
Dreh bei Festnahme des zweiten Verdächtigen

„Heftiger Schusswechsel nahe Franklin Street“, lese ich in meiner Twitter-Timeline. Kurz darauf folgt die Adresse des Ortes, wo sich der zweite Verdächtige versteckt halten soll. Schnell hat ein User auch ein Luftbild dazu gefunden und getwittert. Ich bin gerade im Auto nach Watertown unterwegs und dank des Kurznachrichtendienstes stehe ich kurz darauf in erster Kamera-Reihe hinter der Polizeiabsperrung.

Twitter war in Boston die schnellste aber auch unzuverlässige Nachrichtenquelle. „Twitter-Gewitter“ nennt Kollege Yassin Musharbash diese Mischung in seinem Blog. Für mich vor Ort war es vor allem ein großer Vorteil, dass so viele Amerikaner das 140-Zeichen-Medium nutzen.

Behörden twittern Statements und Termine von Pressekonferenzen. Lokal-Journalisten teilen ihre Exklusiv-Infos. Zeugen schildern ihre Beobachtungen.

In Deutschland hätten wir Journalisten so schnell nicht so viel erfahren.

Zu schnell, zu sensationsgierig

Sicher, ich habe auch die negativen Seiten des „American Way of Journalism“ erlebt.

Die rasante Verbreitung von (Falsch)-Meldungen über Blogs und Twitter hat die „klassischen“ Medien in Bedrängnis gebracht, schnell nachzuziehen. Da berichteten unter anderem CNN und AP vorzeitig von der Festnahme eines Verdächtigen. Eine Fehlinformation und große Blamage. „Breaking News Is Broken“ titelt die Nachrichten-Seite Slate daraufhin.

Noch viel schwerwiegender fand ich persönlich die Sensationsgier von Bloggern und einigen Medien, die hemmungslos Bilder von Personen veröffentlichten, die ihrer Meinung nach verdächtig schienen (sich aber im Nachhinein als unschuldig erwiesen).

Nachdem es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in Watertown zu einer heftigen Schießerei zwischen Polizei und den beiden Verdächtigen gekommen war, zeigte CNN Bilder von der Festnahme eines nackten jungen Mannes. „Wir haben die Aufnahmen natürlich gepixelt“, erklärte ein Kommentator.

Nein, gemeint war nicht das Gesicht des Mannes, der, wie sich später herausstellte, keiner der Gesuchten war. Gepixelt war sein Intimbereich – auch das eine sehr amerikanische Methode.

2 thoughts on “American Way of Journalism

  1. Die Berichterstattung schon in den dt. Medien hat mich angewidert.Sie dokumentiert ,wie auch die der unsäglichen US – Medien, dass es auf dieser Welt verschiedene Klassen von Menschen und damit Toten gibt.Aber wenn Herr Clever vom ZDF W als Welthauptstadt ,unreflektiert ,kommentieren kann und Bild nachzieht und die Obamas als Weltfamilie bezeichnet , dann wundert einen nichts mehr. Diese Treibjagd und diese Glorifizierung der Videoüberwachung macht ängstlich,weil doch die USA als Hort der Freiheit gelten – welche Freiheit ?

    1. Lieber Herr Brötzmann,
      wenn in den USA, einem Land das Deutschland in vielem sehr ähnlich ist, so ein Anschlag verübt wird, stellt sich die Frage, könnte das auch bei uns in Deutschland passieren? Es ist relevant. Deshalb berichten wir groß darüber und deshalb ist übrigens auch das Interesse der Zuschauer groß.
      Ich weiß nicht, was Herr Cleber im ZDF gesagt hat. Aber bei vielen privaten Kommentatoren in Internetforen herrscht ein offener Anti-Amerikanismus vor, dem ich mit meinen Beiträgen entgegentreten möchte, indem ich Land und Leute erkläre.
      Die Amerikaner haben, meiner Meinung nach, sehr souverän auf den Anschlag reagiert. Hier gibt es übrigens keine Debatte über Videoüberwachung. Das ist eine sehr deutsche Angst.
      Ich weiß nicht, welche Freiheiten Ihnen wichtig sind und ob Sie schon mal in den USA waren. Aber ich lebe hier in einem Land, in dem die Menschen ihre Freiheit sehr schätzen und noch weit mehr als die Deutschen zelebrieren.
      Viele Grüße,
      Sandra Sperber

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