DSLR-Videojournalismus: Der radikale Ansatz einer Redaktion

Wie verbessern wir den Look? Womit produzieren wir hochwertige Bilder, die sich sowohl von Agentur-Videos, Amateurvideos als auch dem klassischen TV unterscheiden? Die WELT-Videoredaktion wählt jetzt den radikalen Ansatz und setzt ausschließlich auf die Produktion von Videos mit DSLR-Kameras.

Die Geschichte des Webvideo-Journalismus in Deutschland ist noch nicht so lang – doch galt eines bislang immer als gesetzt: An semi-professionellen Camcordern – wie aus der Sony EX-Serie oder dem Panasonic P2-System – kamen große Redaktionen und Allround-VJs kaum vorbei. Schließlich sind sie Alleskönner, in vielen Bereichen – Tele, Ton, stabile Kameraführung, Schnelligkeit  – seien die Vorteile eben groß, habe ich oft gehört.

Maria Menzel beim DSLR-Video-Dreh
„Welt“-VJ Maria Menzel beim DSLR-Video-Dreh

Spiegelreflexkameras wurden in der Regel nur als Ergänzung eingesetzt, meist für bestimmte Themen, bei Multimedia-Reportagen beispielsweise für den besonderen „Look“. Zudem sind die Kameras – als Fotoapparate auf die Welt gekommen – schwerer zu bedienen. Viele Videojournalisten waren froh, die Camcorder richtig unter Kontrolle zu haben. Ich auch. Zunächst.

Die Entscheidung, die ich im Herbst gemeinsam mit meinem neuen Team getroffen habe, war daher radikal und mutig: wir nutzen den Neuanfang im Videobereich der „Welt„-Gruppe und setzen in der gesamten Redaktion komplett auf DSLR Video. Wir haben ausschließlich in Spiegelreflexkameras und das notwendige Zubehör investiert. Zwei große Panasonic HPX-Camcorder standen noch im Schrank. Für Notfälle, dachten wir. Dort stehen sie noch heute.

Dreh mit drei Kameras und unterschiedlichen Objektiven
(Dreh mit drei Kameras und unterschiedlichen Objektiven)

Neben den in der Multimedia-Branche geschätzten Vollformatkameras Canon 5D Mark III haben wir lichtstarke Objektive bestellt: Das Canon 24-70mm mit Blende 2.8, das 24-105mm mit Blende 4 und Bildstabilisator, das 70-200mm mit Blende 2.8 und Bildstabilisator sowie das Festbrennweiten-Objektiv mit 85mm und Blende 1.2. Für den Ton Tascam DR 60 – unter die Kamera geschraubt, Funkstrecken und das übliche Zubehör.

Über Objektive, Tonequipment und Tipps für DSLR-Video-Einsteiger hat meine SPIEGEL-ONLINE-Kollegin und DSLR-VJ Sandra Sperber hier schon oft gebloggt, unter anderem in diesem Post. Unser Ressort hat Ende 2013 eine Schulung an der Axel Springer Akademie bei Dozent Riza-Rocco Avsar absolviert.

Beispiel für DSLR-Look.
(Geringe Schärfentiefe – große Gefahr)

Beim Arbeiten mit DSLR Video liegen Fluch und Segen nah beieinander, vor allem beim Drehen mit offener Blende. Die kleinen Blendenzahlen laden dazu ein, „große Kunst“ zu machen. Durch die damit möglichen Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe. Und so lag der Fokus in manchen unserer Bilder zunächst natürlich knapp daneben. Wer mit dem Feuer spielt.

Etwas Disziplin, lieber mal eine größere Blende wählen und vor allem die zunehmende „Erfahrung“ (wenn man nach sieben Wochen davon schon sprechen kann) haben für Abhilfe gesorgt.

Kamera, Audio-Rekorder, Stativ, Funkstrecke. Ausrüstung bei WELT Video
(Kamera, Audio-Rekorder, Stativ, Funkstrecke. Ausrüstung bei WELT Video)

Inzwischen bin ich überrascht, wie problemlos grundverschiedene Themen mit der Canon 5D Mark III umgesetzt werden konnten.

Die Stärke natürlich: Portraits. Hier war es kein Problem, wenn ein VJ alleine raus geht, sich um Bild, Ton und Interviews gleichzeitig kümmert.

Aber auch Pressekonferenzen sahen oft gescheit aus, bei einer hätte eine längere Brennweite gut getan, beim Rücktritt von Agrarminister Friedrich dagegen haben die DSLR-Bilder im Vergleich zu TV-Material überzeugt. Straßenumfragen haben funktioniert, sogar das „Crashen“ von Politikern – also die unangekündigte Konfrontation mit Fragen vor laufender Kamera – hat einigermaßen geklappt.

Bei gesetzten Interviews wie bei Dreharbeiten für das Online-Special zum Fund der Himmlerbriefe haben wir mit mehreren Kameras und zum Teil bewusst kleiner Blende gearbeitet. Altkanzler Schröder wurde beispielsweise begleitet von drei Kameras von Stefan Aust interviewt. Bei solchen Situationen kamen zwei leichte Lampen zum Einsatz, die bicolor dimmbaren Leuchten Tecpro Felloni auf gewöhnlichen Lichtstativen und mit extra erworbener Softbox.

Stefan Aust interviewt Gerhard Schröder für WELT VideoDoch was ist, wenn man ganz alleine unterwegs ist und eine Vielzahl von verschiedenen Geschichten abbilden möchte? Wir haben Maria Menzel drei Wochen nach Sotschi zu Putins großem Olympia-Zirkus geschickt. Ihr Bericht:

„Mit einer DSLR, einem Stativ, einem Voicerecorder und einem Richtmikro lassen sich auch allein die meisten WebVideo-Ideen vor und hinter der Kamera bestens umsetzen. Sowohl die großartige und kreative Freiräume eröffnende Optik als auch das allein unkompliziert zu transportierende und zu handelnde Material machen jeden Camcorder überflüssig.“

Auch die meisten Aufsager und Interviews vor der Kamera hat sie mit der DSLR gedreht, das geht, sofern nicht zu viel Bewegung im Spiel ist und sich ein geeigneter Ort zum Aufstellen findet.

Aufsager ohne Kamera-Kollegen: Einzelkämpferin Maria Menzel in Sotschi.
Aufsager ohne Kamera-Kollegen: Einzelkämpferin Maria Menzel in Sotschi

Lediglich selten hat Maria Menzel noch eine andere Kamera eingesetzt, keinen der großen Camcoder, sondern eine kleine Consumer-Kamera, die Panasonic HC-X929, Preis rund 750 Euro.

Panasonic-HC-X929
Panasonic-HC-X929

Mit dieser Kamera kann man den Bildschirm  zu sich drehen, zudem hat sie einen akzeptablen Autofokus. „Sie eröffnet dank Automatik und solider Auflösung die Möglichkeit, als VJ auch im On beweglich zu sein“, berichtet die Olympia-Reporterin aus Sotschi.

Im Bereich Ton – oft die Achillesferse bei DSLR Video – hat das Arbeiten mit dem Tascam DR 60 natürlich nicht immer gleich gut funktioniert, einmal war der Ton nicht sendbar, bei anderen Problemen konnte man im Schnitt noch reagieren. Zudem verbraucht der Rekorder unglaublich viel Strom und somit viele Batterien.

Insgesamt bin ich überrascht ob der Ergebnisse der ersten Wochen. Zum einen, weil manche Bilder im Schärfebereich gar nicht so stark abweichen von Camcordern, wenn man bei Tageslicht mit großer Blende dreht, bei Reportage-Kamera ohne aufgesetzten ND-Filter beispielsweise. Farben und generelle Anmutung der Bilder waren dennoch sehr gut. Zum anderen, weil das Drehen im Bereich der kleinen Blendenzahlen nach den anfänglichen Beobachtungen (s.o.) ganz reibungslos und gut funktioniert hat und starke Ergebnisse da sind.

Am meisten überzeugt mich jedoch, dass das Arbeiten mit dem extrem reizvollen aber schwierigem Gerät in unserer Redaktion ganz schnell eine Selbstverständlichkeit war. Wie schön.

6 thoughts on “DSLR-Videojournalismus: Der radikale Ansatz einer Redaktion

  1. Sehr interessanter Bericht.
    Auch wir standen vor der Überlegung. Drehen seit 6 Jahren mit der Sony HVR Z7. Haben uns aber entschlossen, die 5D zu überspringen und alles auf die Canon C100 gesetzt. So gesehen eine DSLR im VJ Format inkl. Ton via XLR. Wir arbeiten mit einer Walimex 35mm 1.4 Festbrennweite und einem Canon 17-85. Die C300 ist für eine 1-Mann-Produktion schon wieder zu groß.
    Portraits sind super. Das „reportagige“ drehen aus der Hand noch etwas knifflig. Aber bisher ist man sehr zufrieden.

      1. Die C300 hatte ich auch mal in der Hand. Für eine One-Man-VJ Produktion ist mit das Display aber zu weit oben. Blickkontakt zum Prota und Display sind schwer zu vereinen. Die C100 ist da optimaler. Die Festbrennweiten (wir nutzen ein 35mm 1.5 ist zwar toll, aber es fehlt der Stabilisator im Objektiv. Daher doch meist das Canon 17-55 2.8.
        Warum bauen die eine Canon Cxxx nicht einfach in der Form einer PXW 200 oder der guten alten Sony Z7?

  2. Ja, interessanter Bericht. Aber ein wenig frage ich mich warum ihr nicht Panasonic GH3’s genommen habt. Die kann von der der Bildquali mithalten oder ist teilweise sogar besser und noch handlicher, weil kein (für videos) unnötiger Spiegel verbaut ist. Sieht natürlich nicht so „Pro“ aus, aber wenn es darum geht, benutzt man eh eine andere kameraklasse.
    Panasonic positioniert sich mit dem Nachfolger GH4 auch gerade weiter im semi bis professionellen Bereich und bietet neben 4k auch xlr, zumindest über den erweiterungs“klotz“.

    1. Ich vermute mal, weil es für die GH einfach keine vernünftigen Objektive gibt. Mich wollte ein Fotofachhändler auch mal zur GH bequatschen und ich wäre um Haaresbreite auch darauf eingestiegen. Erst in letzter Sekunde habe ich bemerkt, dass die verfügbaren Objektive gar nicht für das geeignet sind, was ich vor habe. Mit anderen Ausrüstungsergänzungen sieht es sicherlich ähnlich aus.

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