Sandra Sperber über den Politik-Podcast „Stimmenfang“ bei SPIEGEL ONLINE

Medien-Trend Podcast: Früh dabei waren die Journalistinnen Sandra Sperber und Yasemin Yüksel. Sie starteten vor knapp einem Jahr den ersten Podcast bei SPIEGEL ONLINE, „Stimmenfang“ – über Parteien, Politik und „das, was Deutschland bewegt“. Im Interview erzählt Sandra Sperber, warum Podcasts im Journalismus für Macher und Hörer interessant sind, was Anfänger dafür brauchen und die wichtigsten Tipps zum Audio-Storytelling.

In den USA inspiriert, im März 2017 in Deutschland gestartet. Die “Stimmenfang”-Macherinnen von SPIEGEL ONLINE, Sandra Sperber und Yasemin Yüksel
(In den USA inspiriert, im März 2017 in Deutschland gestartet. Die “Stimmenfang”-Macherinnen von SPIEGEL ONLINE, Yasemin Yüksel und Sandra Sperber)

Du bist seit mehr als zehn Jahren Journalistin, die meiste Zeit hast Du Online-Video gemacht. Wie bist du denn darauf gekommen, einen Podcast zu starten?

Zunächst war es privates Interesse. Vier Jahre lang habe ich in den USA gelebt und da gibt es einfach fantastisches Audio-Programm. So habe ich diese Entwicklung sehr stark verfolgt, fand das Format faszinierend. Meiner Kollegin Yasemin ging es ähnlich. Und so ist die gemeinsame Idee zu unserem Politik-Podcast entstanden, als wir im Wahlkampf 2016 in den USA unterwegs waren.

Was hat dich als Reporterin am Podcast gereizt?

Als Videojournalistin hat man ja leider schon manchmal Situationen, wo man das Gefühl hat, sobald man die Kamera anmacht, erzählen die Leute nicht mehr so spannend. Oder die Situation ist nicht mehr so intim und persönlich. Zudem kann man bei Themen mehr in die Tiefe gehen, allein durch die Länge des Podcast-Formats.

(Interview für den "Stimmenfang"-Podcast)
(Interview für den „Stimmenfang“-Podcast)

Was ist „Stimmenfang“ und wo gibt’s das zu hören?

„Stimmenfang“ hat sich zunächst intensiv mit dem Wahlkampf in Deutschland beschäftigt. Wir haben den Podcast ja ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl gestartet. Jetzt fassen wir unsere Themen ein bisschen weiter, schauen über tagesaktuelles und Parteiprogramme hinaus. Wir wollen einfach auch wissen, was ist los im Land? Was läuft schief? Welche politischen Themen bewegen die Menschen? Was bewegt Deutschland?

Daraus entsteht jede Woche eine neue Folge. Die kann man zum Beispiel bei Soundcloud, iTunes oder Spotify hören und mit allen üblichen Podcast-Apps.

 

 

Bekommen die Nutzer bei Euch auch andere Inhalte als in den Texten und Videos auf SPIEGEL ONLINE – oder geht es einfach nur um die Form Audio?

Unser Ziel ist es, die Politik-Berichterstattung um eine neue Facette zu erweitern. Wenn wir Kolleginnen oder Kollegen zum Gespräch ins Studio einladen, sagen sie manchmal, da könnten Sie Sachen erzählen, “die kann ich im Text nicht unterbringen”. Das sind beispielsweise Erlebnisse, die die Redakteure bei ihren Recherchen haben. “Als ich Martin Schulz angerufen habe und er war gerade auf dem Klo.” – Das würde man vermutlich nicht in eine typischen SPD-Analyse schreiben. Es ist aber so eine Anekdote, über die man im Podcast durchaus sprechen kann und die den Hörern ganz andere Einblicke liefert.

Welche strategische und wirtschaftliche Bedeutung haben Podcasts für SPIEGEL ONLINE?

Ich denke, für alle Verlage ist es interessant, User auch an anderen Orten zu erreichen – unabhängig von der klassischen Plattform der Website. Deshalb ist Podcast natürlich interessant, weil inzwischen etwa die Hälfte der Podcast-Hörer von anderen Plattformen kommt, uns also zum Beispiel auf iTunes abonniert hat. Und wir hatten von Beginn an – nicht durchgängig – aber von Beginn an einen Sponsor.

Podcasterin Yasemin Yüksel im "Stimmenfang"-Gespräch mit den SPIEGEL-ONLINE-Kollegen Roland Nelles (links) und Florian Gathmann (rechts)
Podcasterin Yasemin Yüksel im „Stimmenfang“-Gespräch mit den SPIEGEL-ONLINE-Kollegen Roland Nelles (links) und Florian Gathmann (rechts)

Was sind Deine wichtigsten Tipps für Journalisten, die mit Podcasts anfangen wollen?

Ein Tipp gilt aus meiner Sicht immer – egal ob bei Video oder Audio: Entscheidend ist gar nicht so sehr die technische Ausstattung! Sowohl Video als auch Podcast kann man sogar mit einem Handy produzieren. Ich finde; der Inhalt zählt und nicht die Technik.

Zudem: Emanzipiere dich vom Radio und experimentiere mit neuen Formen. Erzähle Geschichten und verabschiede dich von lexikonhaften Wortbeiträgen. Und klar, beim Aufnehmen hinhören. Achte auf die Geräusche, wie klingt es vor Ort? Das vergisst man viel zu schnell, wenn es bei der Produktion hektisch wird.

Und die Storytelling-Herausforderungen?

Da spreche ich jetzt wieder als Hörerin. Ich bin kein großer Fan von reinen “Laber-Formaten”, also 90 Minuten ungeschnittenem Gespräch – am besten noch in der Küche aufgenommen. Das ist natürlich eine Frage, wie aufwendig man produzieren kann.

Bei Video gab es diesen Trend, alle wollten Video. Weil “Talking Heads” einfach und relativ günstig vor die Kamera zu kriegen sind, ist das Storytelling oft zu kurz gekommen.

Ich hoffe, dass sich Podcast in eine andere Richtung entwickelt. Rausgehen, Erzählformen ausprobieren, mit dem Medium Audio arbeiten, Intimität schaffen. Besonders in den USA gibt es gerade eine Reihe spannender Longform-Podcasts, die genau das vormachen.

Deine Technik-Tipps? Was ist das Wichtigste bei der Ausrüstung?

Vor allem das passende Mikrofon. Man achtet eben noch mehr auf den Ton, wenn man kein Bild hat. Wenn es rauscht zum Beispiel, weil man an einer großen Straße aufnimmt, aber den Verkehr nicht gleichzeitig sehen kann. Also ein gutes Mikrofon.

Und dann muss man überlegen, womit man den Ton aufzeichnet. Das kann erst mal das Handy sein oder ein simples Aufnahmegerät. Viele verwenden Rekorder von “Zoom” mit mehreren Audiospuren, das Pegeln ist leicht und das Gerät ist auch nicht so viel größer als ein Smartphone.

Ein Trend im Journalismus: weg von der “Einbahnstraße”. Nutzer ein- und an das Produkt binden. Funktioniert das bei Euch?

Ja! Und das hat uns tatsächlich überrascht. Die Leute, die diesen Podcast hören, sind uns sehr verbunden. Wir haben eine E-Mail-Adresse eingerichtet und inzwischen haben wir auch eine Mailbox, auf die uns Leute sprechen. Wir stellen unseren Hörern gerne eine konkrete Frage.

Einmal hat es zum Beispiel wunderbar funktioniert mit der Frage: “Haben Sie noch nie in ihrem Leben Merkel gewählt, wollen es aber bei dieser Wahl zum ersten Mal tun?” Eine sehr spezifische Frage. Und es haben sich gut ein Dutzend Leute zurückgemeldet, darunter zwei SPD-Mitglieder, die bei der Bundestagswahl dann zum ersten Mal in ihrem Leben die CDU gewählt haben. Das fand ich schon sehr, sehr erstaunlich. So bekommen wir immer wieder tolle Geschichten von unseren Hörern.

Außerdem bekommen wir oft sehr nette E-Mails und haben einige Fans die regelmäßig Feedback und Kritik schicken. Ich glaube, Podcast ist sehr persönlich, weil man den Leuten ins Ohr geht und sie viel Zeit mit einer Stimme verbringen. Das ist vielleicht ein bisschen intimer als Artikel zu lesen oder ein Video zu schauen.

Die meist visuell orientierten Social-Media-Kanäle und Podcast – geht da was?

Wir versuchen uns immer ein bisschen mit kurzen Videos auszuhelfen, die wie bewegte Social-Cards funktionieren. Wir koppeln O-Töne aus dem Podcast aus, eine halbe Minute bis eine Minute, und versehen das mit einem Foto oder einem Zitat, auf dem sich eine Audio-Kurve bewegt. Social Media ist eben doch sehr visuell – da ist es schwer für Podcasts, mit anderen Inhalten zu konkurrieren. Aber, wenn es irgendwo eine bessere Möglichkeit gibt, eine intuitivere, freue ich mich über Hinweise und Ideen!

Die Stimmenfang-Macherinnen sind per E-Mail erreichbar unter stimmenfang@spiegel.de und hier in den Kommentaren sind wir auf Eure Meinungen und Erfahrungen gespannt!

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