Springer und N24: TV + Text = Multimedia?

Die Möglichkeiten sind auf den ersten Blick beneidenswert: Mit dem Videoangebot von N24 kann Axel Springer sicher mehr als viele andere bewegen. Doch eine Zweitverwertung von klassischen TV-News allein macht noch kein modernes Storytelling im Netz. Von Sandra Sperber

Erinnern Sie sich noch an die Ansagerinnen im Fernsehen, die nach der Tagesschau die nachfolgenden Filme angesagt haben? Verfilmtes Radio war das im Prinzip noch.

Oder für Tageszeitungen formulierte Artikel oder Agenturmeldungen, die „Onliner“ einfach eins zu eins in die Zweitverwertungsmaschine Internet gestellt haben? Nach „Redaktionsschluss“ oder am „Erscheinungstag“. Darüber sind wir zum Glück längst hinaus.

Doch passieren ähnliche Fehler gerade im Bereich Webvideo? Der viel bejubelte Kauf von N24 durch Axel Springer birgt zumindest die Gefahr, erst recht, sollte das Beispiel in der Branche Schule machen.

Nach dem Motto: Wenn es zu mühsam ist, im Netz eigene Formen für Bewegtbild zu entwickeln, dann kauft man eben das Bekannte: Fernsehen. Da wird der altgediente „Nachrichtensender“ plötzlich zu einem „Bewegtbildproduzenten“.

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Internet-Fernsehen statt Innovationen?

Sicher ergeben sich viele Synergien, vor allem, wenn man Rohmaterial austauscht oder wirklich web-geeignet aufarbeitet. Daher ist mein zu Springer gewechselter Blog-Kollege durchaus in einer komfortablen Situation.

Doch sind nicht gerade Websites wie Zeit Online, Berliner Morgenpost, oder Süddeutsche.de in den vergangenen Monaten mit multimedialen Highlights aufgefallen – obwohl diese keinen angeschlossenen TV-Sender haben?

Die Stalin-Allee-Reportage von Zeit Online beinhaltet Filme, die das Standardprogramm im klassischen TV alt aussehen lassen. Die Webauftritte von N24 und anderen Sendern sind jedenfalls bislang nicht gerade durch raffinierte Webvideos oder innovatives Storytelling aufgefallen.

Die Annahme, man könne mit TV-Brille montierte Nachrichtenbeiträge (wahrscheinlich sogar in Zweitverwertung) einfach neben klassische Texte auf eine Internetseite stellen, und schon hätte man ein attraktives Multimedia-Angebot – ein Trugschluss.

Andere Anforderungen für Webvideo

Das zeigt beispielsweise die Einbindung der „Nachrichten in 100 Sekunden“ von Tagesschau und Heute bei faz.net. Zwei TV-Sendungen stehen ohne Zusammenhang im mittleren Bereich der Homepage, als Startbild das jeweilige Senderlogo. Ein modernes Webvideoangebot sieht jedenfalls anders aus.

Nicht nur die Vermarktung funktioniert im Web anders als im TV. Preroll-Ads im Lean-Forward-Umfeld statt Werbeblöcke im linearen Lean-Back-Programm erfordern schließlich andere Anreize.

Auch Chancen, die das Netz bietet, bleiben dann außer Acht. Das zielgenaue Integrieren von einzelnen Bewegtbild-Inhalten beim multimedialen Storytelling erfordert eine andere Herangehensweise. Die Verknüpfung von Foto-,Video- und Datenjournalismus, die Einbindung der User, Interaktivität, all das verlangt mehr. Einfach nur Fernsehen im Netz reicht nicht.

Und ein eigener Stil, eine erkennbare Handschrift auch im Videojournalismus könnte ohnehin als erstes auf der Strecke bleiben. Obacht, Fernseh-Kaufleute.

One thought on “Springer und N24: TV + Text = Multimedia?

  1. Schöner Artikel.
    N24 ist inzwischen ganz von Axel Springer übernommen und wird diesen mit der Welt-Gruppe zusammenführen. Der Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, die Kartellbehörden müssen noch zustimme. [Quelle: http://www.finance-magazin.de/strategie-effizienz/ma/ma-deals-nestle-funkwerk-celesio/ ]
    Das Kartellamt wird hier wohl nicht im Weg stehen. Jetzt kommt es darauf an, ob die ganze Geschichte richtig angegangen wird.

    Gruß,
    W.

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