Liebenswerte Videos – eine Bilanz

Zehn Film-Porträts, ein im Studio aufgezeichnetes Startvideo mit aufwändigen Animationen, dazu die obligatorischen „Outtakes“. Im Projekt „LiebensWerte.de“ von Volontärs-Team 12 der Axel Springer Akademie war der Bereich Webvideo stark vertreten. Was hat dabei gut funktioniert, woran arbeiten wir weiter. Selbstkritischer Versuch einer Bilanz.

Beide Autoren dieses Blogs haben gemeinsam mit Riza-Rocco Avsar, Christian Stahl und Tobias Kaufmann die Journalistenschüler betreut. Von der stilistischen Konzeption, über die Begleitung auf den Drehs bis hin zu Unterstützung bei Schnitt und Präsentation. Ein Kraftakt, der größtenteils in nur zehn Tagen zu bewältigen war.

Die Outtakes (siehe Link), um gleich bei dem Screenshot oben zu bleiben, waren das Beste. Punkt.

Ein Schlag ins Gesicht aller Filmemacher?

Will ich damit jetzt provozieren?

Nein. Das Beste war das ‚Best of‘ der Pannen natürlich nicht, nur in einer Beziehung: bei der zum Zuschauer!

„Zuschauerbindung“ heißt das Statistik-Tool, in dem dieses Video alle anderen aus dem Projekt hinter sich gelassen hat. Aussagekräftig ist die RELATIVE Zuschauerbindung, hier setzt YouTube die Werte in Bezug zum Durchschnitt aller anderen Videos auf der Plattform, die genauso lang sind. Das gleicht den Vorteil aus, den kurze Videos ansonsten haben. Die Outtakes liegen permanent über dem Durchschnitt dieser Clips, bis kurz vor Schluss sogar deutlich.

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(Zuschauerbindung der „Outtakes“. Quelle: YouTube)

Das spricht für die kurzweilige Dramaturgie, die die Volontärinnen Jenni Thier und Julia Jaroschewski im Schnitt entwickelt haben. Schnelle Schnitte, guter Einsatz von Musik, Witz und Pannen, das funktioniert im Netz immer. Und es spricht nicht gegen die anderen Filme.

Auch wenn ich auf die relative Zuschauerbindung noch zurück komme, sollte dies natürlich nicht das wichtigste Kriterium bei der Bewertung der Qualität von Webvideos sein.

Konzept (1) „Nähe“

Beim Thema Liebe lag das fast nahe. Und doch ist die Grundidee des Videokonzepts ungewöhnlich, zuweilen gefährlich. Näher kommen wollten die Reporter den Protagonisten als vielleicht normalerweise im journalistischen Alltag möglich. Nah sein, um persönliche, emotionale Gespräche zu führen, mit entsprechendem Zeitaufwand. Weit mehr als „O-Töne holen“ zu wollen, das war der Anspruch. Die journalistische Distanz ein kleines Stück oder einen Moment aufgeben, darin liegt die Gefahr.

Obwohl die Reporterinnen Chantal Schäfer, Jenni Thier und Julika Meinert bei Benjamin Boyce nur einen halben Tag sein konnten, funktionierte das Konzept ausgerechnet bei dem kurzen Dreh in Amsterdam auf eine ganz besondere Art und Weise.

Der ehemalige Teenie-Schwarm der Boy-Band „Caught in the Act“ packte aus, vertraute dem Team zum Beispiel an, was früher mit weiblichen Fans auf den Hotelzimmern lief. Und, dass die Kuscheltiere der Fans furchtbar gestunken haben.

(Wir empfehlen bei allen YouTube-Videos beim Zahnrad-Symbol auf Qualität 720p umzustellen).

Auch dieses Video funktioniert beim Zuschauer sehr gut, im Durchschnitt bleiben die User dem Clip 2`39 Minuten lang treu, die Grafik zeigt überdurchschnittliche Werte bis kurz vor Schluss.

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(Zuschauerbindung des Fils „Teenie-Schwarm“. Quelle: YouTube)

Die angestrebte Nähe zu den Porträtierten ist dem Team fast immer gelungen.

Neben den oben genannten gehörten zur Videocrew Christian Friedewald, Lukas Breitenbach und Michael Küng. Recherchiert wurden die Themen teils von weiteren Journalistenschülern.

Wirklich sorgfältige Vorbereitung in Form von ausführlichen Vorgesprächen am Telefon, das Einplanen von viel Drehzeit und die klare Rollenverteilung zwischen On-Reportern, Autoren, Video-Redakteuren und den jeweiligen Volontären an der Kamera – das hat sich bewährt. Und bei Drehs, die zu knapp geplant waren, hat sich das auch gerächt. Nähe funktioniert nicht ohne viel Zeit und Geduld.

Konzept (2) „Wir“

„Wir beziffern das größte Gefühl der Welt“ – so lautet der Claim des Projekts. Die Volontäre sollen sichtbar sein, vor allem in den Videos. Das gelingt bei Chantal Schäfer und Benjamin Boyce sehr gut. Ohne die charmant freche „Society-“ Reporterin im Bild wäre der Film möglicherweise nicht so unterhaltsam gewesen.

Wie weit darf die Nähe gehen? Keine leichte Frage, nicht erst seit Brüderles „Tanzkarten“-Angebot. Darf ein Reporter mit einem Interviewpartner tanzen. Im konkreten Einzelfall und hier folgenden Beispiel hat sich Lukas Breitenbach diesen (zweifelhaften?) Spaß mit einer Partnervermittlerin gegönnt. Ein Spaß, das wird im Film deutlich, und daher halte ich das noch für gerechtfertigt, auch wenn es sicher grenzwertig ist. Hier wurde niemand vorgeführt, der On-Reporter nimmt sich selbst ein Stück auf die Schippe und so entstand ein wirklich putziges Stück Infotainment.

Bei Enduro Künzl, einem Objektophilen, hat Lukas Breitenbach völlig ohne Zweifel eine gute Mischung aus Nähe und journalistischer Distanz hinbekommen. Offen spricht Künzl über Sex mit Autos. Breitenbach ist interessiert, aber nicht aufdringlich. Zudem ist auch dieser Film von den Journalistenschülern im Bereich Kamera und Schnitt sehr gut umgesetzt worden.

Bei der Zuschauerbindung liegt der filmisch gut umgesetzte Clip genau im Durchschnitt. 2:36 Minuten schauen sich die User im Schnitt an, 4:35 Minuten ist das Videos lang.

Konzept (3) „O-Ton-Filme“

Bloß keine Fernseh-Beiträge im Internet, Webvideos müssen ein eigenes Genre sein. Liest man ständig, und oft stimme ich dem auch zu. Das kann jedoch zu einer teils fast verkrampften Verehrung von „O-Ton-Filmen“ führen: Sprechertext ist Fernsehen, und Fernsehen ist Old Media, voll Neunziger eben.

Auch wir haben uns vorgenommen „so wenig wie möglich“ Sprechertext einsetzen zu müssen, stattdessen auf szenische Teile und starke O-Töne zu setzen. Und am Ende fand sich in keinem einzigen der zehn Film-Porträts Sprechertext. Bevor ich zu einer Auswertung komme, möchte ich noch ein Video zeigen, On-Reporterin ist hier Julia Jaroschewski. Eine ergreifende Geschichte über die psychologischen Folgen einer Organspende einer Mutter an ihren Sohn. Hier ist die oben beschriebene Nähe zur Mutter gelungen, beim Sohn dagegen weniger.

Zwei klassische Beispiele für „Lean-Back“-Programm. Filme, die man am besten in Ruhe auf dem Sofa schaut. Und nicht mal zwischendurch im Büro („Lean Forward“).

Das passt nicht unbedingt zum spielerischen interaktiven Charakter und dem großen bunten Themenstrauß der LiebensWerte-Website. Und es passt auch nicht zu YouTube.

Doch Achtung: Noch nicht! Denn schon bald verschmilzen Ferseh-Programm und Videoplattformen auf den modernen Multimediageräten in unseren Wohnzimmern. Und dann sind auch längere, ruhigere Formate gefragt. Und vor allem eigenes Programm statt Agenturmaterial und umgearbeitete Amateurvideos. Mehr als 45 Minuten hochwertiges Bewegtbildmaterial ohne Fremdrechte haben die Springer-Volontäre erstellt.

Wie passt das Format O-Ton-Film jedenfalls mit dem Verlangen der Zuschauer nach schneller Information und kurzweiliger Unterhaltung zusammen?

Zuweilen bremst das Format. Das stärkste Bild, der stärkste O-Ton, die stärkste Szene gleich zum Einstieg, das klappt nicht immer, wenn das Video filmisch logisch aufgebaut und erzählt werden soll. Teilweise waren die emotionalsten O-Töne, die lustigsten Szenen erst in der Mitte des Porträts unterzubringen. Protagonist (und Reporter) mussten erst eingeführt werden. Hätte ein Sprechertext manchmal einiges zusammenfassen und beschleunigen können? Auf den Punkt zu kommen, das ist – nicht nur bei LiebensWerte – umso schwieriger, wenn man vielleicht zu dogmatisch versucht, Sprechertext zu vermeiden. Wir haben es bei diesem Projekt nicht anders ausprobiert.

Auf der anderen Seite kommen die Geduldigen unter den Zuschauern den Menschen im O-Ton-Film stets sehr nahe.

Ein O-Ton-Film verlangt immer auch: reportagige Szenen. Wer atemlos Statement an Statement reiht, verliert die Aufmerksamkeit eher. In der dunklen Jahreszeit waren die Journalistenschüler jedoch mit einer alten lichtschwachen Panasonic P2-Kamera unterwegs, zudem oft in Innenräumen. Da fast durchgängig Licht gesetzt werden musste, waren spontanen Szenen kaum möglich.

Die Kameras werden übrigens gerade ausgetauscht.

Genug der Worte. Team 12 hat einen tollen Job in einer sehr begrenzten Zeit gemacht und sehr schöne Ergebnisse präsentiert. Zum Abschluss noch der Film, der zum Start des Projekts absolut gesehen die meisten Zuschauer hatte. Es geht zufälligerweise um Sex. Im Alter. Viel Spaß.


 

Und hier geht es zur LiebensWerte-Startseite.
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